KliNa Tag 2026: Klimaschutz scheitert nicht am Wissen – sondern am Handeln
Rund 120 Fachleute diskutierten bei FCP.VCE über politische Verantwortung und wirksame Lösungen für Gebäude und Infrastruktur.
Wien, 1. Oktober 2026 – Beim KliNa Tag 2026 von FCP.VCE diskutierten am 30. September rund 120 Fachleute aus Forschung und Praxis im TUtheSky der TU Wien, wie Klimaschutz vom Wissen ins Handeln kommt.
Im Fokus standen verlässliche politische Rahmenbedingungen, konkrete Lösungen für Gebäude und Infrastruktur sowie alltagstaugliches nachhaltiges Verhalten. Der Tenor unter dem Motto „Just Do It Green“: Die Instrumente sind vielfach vorhanden – umgesetzt werden sie zu langsam.
Klimaschutz unter Rechtfertigungsdruck
Günther Achs, Geschäftsführer von FCP.VCE und Vorsitzender der KliNa-Initiative, thematisierte zur Eröffnung den politischen und wirtschaftlichen Gegenwind: „Der Klimaschutz steht nicht mehr nur unter Rechtfertigungsdruck. Er wird in vielen Diskussionen sogar verleugnet. Maßnahmen werden sehr oft nicht als Investition in die Zukunft gesehen, sondern als zusätzliche Kosten. Dabei greift die Frage, wie wir uns Klimaschutz in einer Wirtschaftskrise leisten können, zu kurz. Alle Maßnahmen, die wir nicht jetzt setzen, sondern in die Zukunft verschieben, steigern die Kosten erheblich.“
Kromp-Kolb: Politik darf Veränderung nicht ausbremsen
Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb nahm in ihrer Keynote „Wer ist eigentlich zuständig für Klimaschutz?“ die Politik in die Pflicht. Technische Lösungen allein reichten nicht aus. Es brauche verlässliche Regeln, die klimafreundliches Handeln erleichtern, statt Veränderungen durch kurzfristige Eingriffe abzuschwächen. In der Podiumsdiskussion kritisierte sie als Beispiel die Spritpreisbremse: Werden Preissignale politisch abgefedert, sinke der Anreiz, Mobilitätsverhalten und Strukturen anzupassen. Kurzfristige Entlastung könne damit langfristige Anpassungen verzögern.
Kromp-Kolb forderte eine ehrliche Bestandsaufnahme der Klimapolitik, verbindliche Vorgaben für die Wirtschaft sowie Klimaschutz und Klimawandelanpassung mit gleichem Gewicht. Carbon Capture and Storage dürfe nicht zum Vorwand werden, Emissionsreduktionen aufzuschieben. Neben erneuerbaren Energien müssten Effizienz, Suffizienz und ein geringerer Energieverbrauch stärker in den Mittelpunkt rücken.
Klimaschutz ist keine zusätzliche Belastung, sondern eine Investition in die Zukunft. Was wir heute nicht tun, wird morgen deutlich teurer.
Fußabdruck verkleinern, Handabdruck vergrößern
Verantwortung ende jedoch nicht bei der Politik. Kromp-Kolb unterschied zwischen dem ökologischen Fußabdruck – den eigenen Auswirkungen auf Umwelt und Klima – und dem Handabdruck, also dem Einfluss auf andere und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Gefragt seien daher sowohl klimafreundliches Verhalten als auch Engagement im beruflichen Umfeld, in öffentlichen Debatten und gegenüber der Politik.
Eine grüne Fassade ersetzt keine Gesamtstrategie
Auch Fassadenbegrünung zeige die Grenzen isolierter Maßnahmen: Begrünte Fassaden können Gebäude und Stadträume kühlen. Sie reichen jedoch nicht aus, um den Klimawandel einzudämmen, und ihre Wirkung hängt von den örtlichen Bedingungen ab. Fehlt in Hitze- und Trockenperioden das Wasser für die Pflanzen, sinkt auch deren Kühleffekt.
Das Beispiel steht sinnbildlich für eine zentrale Erkenntnis des Tages: Sichtbare Einzelmaßnahmen können sinnvoll sein, ersetzen aber keine abgestimmte Gesamtstrategie.
Lösungen für Brücken, Gebäude und Lebensräume
Expert:innen aus Wissenschaft, Planung und Baupraxis zeigten anschließend konkrete Ansätze für klimagerechtes Bauen. Die Beiträge reichten von nachhaltigem Brückenbau, Zertifizierung und Baukultur über Mobilität und Bauwerksbegrünung bis zu Erdwärmekonzepten, Klimarisikoanalysen und klimaangepassten Entwässerungslösungen. Damit verband das Programm politische Voraussetzungen mit Instrumenten für Planung, Errichtung und Betrieb.
Der „innere Schweinehund“ als Klimafaktor
Die klinische und Gesundheitspsychologin Maria Resch erklärte in ihrer abschließenden Keynote „Smart genug für die Analyse – zu menschlich für die Lösung“, warum Wissen nicht automatisch zu entsprechendem Verhalten führt: Bequemlichkeit, Routinen, Zeitdruck oder ungünstige äußere Bedingungen ließen den „inneren Schweinehund“ häufig gewinnen.
Klimaschutz könne nicht davon abhängen, dass Menschen ausgeschlafen seien, genügend Zeit hätten und ideale Bedingungen vorfänden – das wären „Laborbedingungen“. Nachhaltiges Verhalten müsse einfach, naheliegend und alltagstauglich werden, gerade wenn die bequemere Entscheidung in eine andere Richtung weist. Resch schlägt damit in die gleiche Kerbe wie Kromp-Kolb: für einen bewussten Umgang mit unseren Ressourcen dürfen wir unseren hohen, teils luxuriösen Lebensstandard nicht mit Lebensqualität gleichsetzen.
Vom Wissen ins Handeln
In der abschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Martin Brandner wurde deutlich: Weder ein einzelnes Gesetz noch eine technische Innovation oder eine begrünte Fassade wird die Klimakrise lösen. Erforderlich ist ein Bündel einander verstärkender Maßnahmen – verbunden mit klarer politischer Verantwortung und einem positiven Zukunftsbild.
„Just Do It Green“ stand damit nicht für einen weiteren Appell, über Klimaschutz zu sprechen, sondern für einen konkreten Anspruch: vorhandenes Wissen konsequent in Handeln zu übersetzen.
KliNa Tag 2026 auf einen Blick
Veranstalter
FCP.VCE
Datum
30. September 2026
Ort
TUtheSky, TU Wien
Teilnehmende
Rund 120 Fachleute aus Forschung und Praxis
Themenschwerpunkte
Klimaschutz und Klimawandelanpassung, nachhaltiges Bauen, Infrastruktur, Mobilität, Bauwerksbegrünung, Erdwärme, Klimarisiken und menschliches Entscheidungsverhalten.
Keynotes
Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb und Klinische - & Gesundheitspsychologin Maria Resch.
Kernaussage
Viele Lösungen für klimafreundliche Gebäude und Infrastruktur sind bereits vorhanden. Entscheidend sind verlässliche Rahmenbedingungen und die konsequente Umsetzung in Politik, Bauwirtschaft und Alltag.